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[Rezension] Peter Pan – James Matthew Barrie

Titel: Peter Pan
Autor: James Matthew Barrie
Seitenzahl: 272
Verlag: Diogenes
Originaltitel: Peter Pan
Übersetzer: Christiane Buchner und Martina Tichy

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Die Geschichte von Peter Pan, dem Jungen, der nicht erwachsen werden wollte, kennt vermutlich jeder, ob nun aus alten Büchern oder von den bekannten Verfilmungen. Dieser Klassiker wird oftmals als Kinderbuch abgestempelt, denn immerhin ist Peter Pan selbst noch sehr jung, umso erstaunter war ich dann, wie weit sich der berühmte Disneyfilm teilweise vom Buch entfernt.

Das Grundgerüst bleibt bestehen, ein Junge verführt die Darling-Kinder zum Flug nach Nimmerland um dort mit ihm und den verlorenen Jungs zu leben. Dort angekommen erleben sie jede Menge Abenteuer bis zu einer gravierenden Entführung und dem Rückflug nach London. Dabei sind auch bekannte Gesichter dabei, wie die Piraten unter Leitung von Kapitän Hook, dem berühmten Krokodil, der Indianerstamm mit der Häuptlingstochter Tigerlilly und den Nixen in der Bucht. Was beim Lesen zu allererst auffällt ist die spezielle Erzählperspektive, denn statt der üblichen Ich-Perspektive haben wir es mit einem auktorialen Erzähler zutun. Er kennt bereits die gesamte Geschichte und ist über alles informiert, dadurch entsteht eine gemütliche „Vorleseatmosphäre“ gespickt mit kleinen lustigen Elementen.

Und damit hören die schönen und blumigen Dinge in „Peter Pan“ auch schon auf. Im Buch wird Peter Pan als viel jünger dargestellt, als er in der Disney-Verfilmung gezeichnet ist. So hat er noch Milchzähne und ist deutlich kleiner als Wendy. Dennoch ist Peter ein Mörder und auch noch stolz darauf, er prahlt damit, und auch im Verlauf der Geschichte erleben wir immer wieder wie die Kinder zu Mördern werden. Peter wurde mir damit im Übrigen immer unsympathischer, denn abgesehen von seiner Mordlust, die er mit Abenteuerlust verwechselt, ist er auch sehr naiv und egoistisch. Ich konnte mich mit ihm einfach nicht anfreunden und selbst jetzt beim Schreiben der Rezension bin ich immer noch entsetzt wie viel Brutalität in „Peter Pan“ vorkommt.

Auch Tinkerbell kommt nicht gut weg, ist sie bereits in den Verfilmungen eine kleine Zicke, so wird sie in „Peter Pan“ regelrecht noch degradiert. Sie will Wendy opfern, und das aus purer Eifersucht, nur weil sie offenbar in Peter verliebt ist. Auch die verlorenen Jungs haben bei mir für einige Fragen gesorgt. Natürlich ist die Art und Weise, wie sie zu den verlorenen Jungs werden wahnsinnig traurig und sie rührt den Leser, dennoch ist unterschwellig immer wieder eine Furcht gegenüber Peter zu spüren. Noch ein Punkt auf der Liste, weshalb mir Peter einfach nicht sympathisch war.

Aber natürlich gibt es auch Erwachsene im Buch, neben den Darlings, die hier als sehr geizig präsentiert werden, denn jedes Kind wird durch kalkuliert und geplant als wäre es eine Investition. Umso überraschter war ich von Kapitän Hook, der hier theoretisch die Position des Bösen einnimmt, auf mich aber irgendwann gar nicht mehr so wirkte. Wir erfahren einiges über Hooks Vergangenheit, wodurch sich für mich zum Beispiel sein vermeintlicher Hass auf die Kinder erklärte. Natürlich ist auch er, wie die anderen Piraten, die Kinder und die Indianer, ein Mörder und verfolgt nur seine Ziele. Dennoch konnte mich „Peter Pan“ etwas mehr Input zur Figur Hook liefern und somit einige Zusammenhänge verdeutlichen.

 

Fazit:

Ganz klar, ich bin ein Kind der Disney-Film-Generation und daher auch bei einem Klassiker wie „Peter Pan“ stark durch Disney geprägt. Umso schockierender ist es, wie sehr Disney in manchen Darstellungen vom Buch abweicht, und wie froh ich bin, dass ich den nicht allzu mordlustigen Peter Pan kennenlernen durfte, bevor ich den Klassiker gelesen habe. Auch wenn die Erzählperspektive mich wirklich überzeugen konnte, muss ich insgesamt dennoch Pünktchen abziehen wegen der Brutalität und Darstellung der Kinder im Buch.

Weitere Rezension:
Tina von Buchpfote
Sarah von Sarah Ricchizzi

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4 Comments

  • Reply Flo

    Ich wusste, dass es Abweichungen Film-Buch gibt, aber nicht, dass sie so groß ausfallen.
    Ich werd mir das Buch doch mal vornehmen müssen, jetzt hab ich Lust drauf gekriegt.
    Taugt die Übersetzung bei Diogenes was?

    2. Oktober 2018 at 15:34
    • Reply Sandra

      Ja, ich fand die Übersetzung von Diogenes wirklich gut und verständlich. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass hier irgendwie etwas unlogisch oder seltsam klang.

      3. Oktober 2018 at 14:07
  • Reply Tina

    Ach Sonnenschein,

    die Gewalt hat einen Punkt gekostet. Ich denke allerdings, dass es zu Barries Zeiten nicht unüblich war, oder?
    Besser als der „Struwwelpeter“ ist es allemal. 😉
    Danke füs Verlinken.

    Liebe Grüße
    Tina

    3. Oktober 2018 at 18:35
  • Reply Sarah Ricchizzi

    Liebe Sandra,
    das mit dem Kritikpunkt der Gewalt kann ich gut nachvollziehen. Mich hat es insofern zwar nicht gestört, allerdings war ich sehr überrascht, wie brutal es doch zugeht: Vor allem, wenn man bedenkt, dass es sich eigentlich um ein Kindermärchen handelt.
    Darüber hinaus gefiel mir das Buch vor allem aufgrund des Erzählstils wahnsinnig gut. Der Erzähler hat einen schönen Humor und eine galante Weise sich auszudrücken, in der Hinsicht gewinnt die Geschichte bei mir an vielen Pluspunkten.

    Jaaa bei Hook muss ich dir absolut zustimmen! Er erscheint mir durch seinen Tiefgang sogar mitunter am sympathischsten. Er macht sich sichtlich Gedanken um sein Leben und überhaupt alles, was so geschieht, was ein vollkommen anderes Licht auf ihn geworfen hat.

    Verrückt, dass diese Geschichte so anders durch die Verfilmung dargestellt wurde.

    Vielen lieben Dank für deine Verlinkung 🙂

    Alles Liebe,
    Sarah

    7. Oktober 2018 at 23:42
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