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[Review] Miss Americana – eine Dokumentation

5. Februar 2020
Quelle: Netflix.de

Seit einigen Tagen ist „Miss Americana“, eine eineinhalb stündige Original Netflix Dokumentation über Taylor Swifts Karriere mit einem Blick hinter die Kulissen. Dabei sieht der Zuschauer einen Mix aus älteren privaten Aufnahmen, Handyvideos und speziell für diese Dokumentation gedrehte Szenen. In Rückblenden erleben wir Tylor Swifts Karriere, und dabei stellt sich unbewusst die Frage: „Ist das alles wirklich real?“

Spoilerwarnung! – Auch wenn es eine Dokumentation ist und sicherlich einige von euch mehr über die Sängerin wissen, gebe ich hier eine kleine Spoilerwarnung, dass ich mehr als sonst auf den Inhalt eingehen werde.

Gleich vorab, nur damit es gesagt ist, ich bin kein riesiger Fan von Taylor Swift, kenne aber ihre Musik und finde ein paar ihrer Lieder wirklich toll und aussagekräftig. Ich bin also ohne besondere Ansprüche in diese Dokumentation gestartet und wollte einfach wissen, was genau dahinter steckt und was den Zuschauer hier erwartet. Und um die Spannung aufzubauen, ich habe nicht mit dem gerechnet, was es hier zusehen gab.

Direkt die erste Szene hat es in sich. Nervös wartet Taylor auf den Anruf, der ihr mitteilen wird, ob sie mit ihrem Album „REPUTATION“ für einen Grammy nominiert ist. Die Antwort ist ernüchternd: Nein. Das Album hat es nicht auf die Liste der Nominierten geschafft und auch wenn die Sängerin es, eventuell für die Kamera, versucht abzutun, merkt man ihrem Gesicht, ihrer Körperhaltung und irgendwie auch der Stimme an, dass sie diese Information trifft und zum Nachdenken anregt.

 

Alles hat ein Anfang

So auch die Karriere von Taylor Swift. In kurzen, sehr privaten Videos wird dem Zuschauer (und Fan) ein Einblick in die jüngeren Jahre der Sängerin gewährt. Sicherlich hat man hier bewusst motivierende und emotionale Momente ausgewählt. Dennoch fand ich es schön zu sehen, wo Taylor Swift ihre Anfänge hat, auch wenn ich nicht „the biggest Fan ever“ bin. Die Tatsache, dass sie durch Country-Musik bekannt geworden ist und später in ihrem Stil mehr zur Popmusik wechselte, war mir noch gar nicht so bewusst. Bei all diesen Videos, Verleihungen und Interviews zeigt sich Taylor Swift als eine ruhige, vernunftbewusste und hübsche Frau. Ihr Fokus liegt nur auf der Musik, und dabei wird sie auch nicht müde zu erwähnen, dass genau das von ihr verlangt wurde. „Ein gutes Mädchen sein“ und sich aus allem anderen raushalten. Musik produzieren, um die Menschen glücklich zu machen und dann den Applaus ernten ums selber glücklich zu werden. Dieser Kreislauf schien sehr lange für Taylor Inhalt ihres Lebens zu sein.

 

 

Let’s talk political

Wie wenig ich mich mit der Sängerin und Person Taylor Swift beschäftigt habe merkt man daran, dass mir der Vorfall mit Kanye West bei den MTV Music Awards 2009 bisher gar nicht so bekannt war. Der daraus resultierende Streit, inklusive des Songs „Famous“, wird hier nochmal aufgearbeitet und ich muss gestehen, ich war entsetzt. Wie kann ein so berühmter Sänger wie Kanye West so respektlos gegenüber einer so jungen Frau sein und sie dann auch noch später als „B***ch“ beschimpfen? Doch damit enden Taylors schlechten Erfahrungen mit Frauenfeindlichkeit nicht. Da gibt es auch noch den sexuellen Übergriff durch den DJ David Mueller, der, trotz Fotobeweis, alles bestritt und so Taylor dazu nötigte vor Gericht eine Aussage machen zu müssen. Die Geschworenen entscheiden zu Gunsten der jungen Frau, doch bei ihren Einblicken in die Gefühle während der Verhandlung kommt erneut ein beklemmendes Gefühl beim Zuschauer auf. Das Fass zum Überlaufen bringt dann die Präsidentschaftswahl 2016 und dem Blick nach Tennessee, ihrem Bundesstaat. Zum ersten Mal möchte Taylor von ihrer Stimme und ihrer medialen Macht Gebrauch machen und die Menschen wach rütteln, die richtige Wahl zutreffen. Die Emotionen mit denen sie ihren Standpunkt verteidigt, nämlich das Recht darauf ihre Meinung sagen zu dürfen und nicht nur „das gute Mädchen“ zu spielen, zeigen mehr als deutlich wie viel ihr daran liegt, dass ihr Land keinen Schritt zurück macht und die Rechte der Frauen und Homosexuellen erneut beschränkt. Als Zuschauer merkt man, wie schwer es ihr gefallen sein muss, aus dieser Komfortzone herauszugehen, sich sogar gegen enge Vertraute zu stellen, nur um, wie jeder andere auch, das Recht zu haben, ihre Stimme zu erheben. Es alarmiert aber auch, denn immer zu wird auch von der Sicherheit rund um Taylor gesprochen, was mehr als deutlich zeigt, wie unsicher man als Frau in dieser Welt lebt, vor allem dann, wenn man berühmt ist und jederzeit gesehen wird. 

 

Eine Katze und die Einsamkeit

Neben den, in meinen Augen dominierenden, Aussagen zu ihrem politischen Statement – immerhin wurde parallel zum Release der Dokumentation auch ihre Single „Only the Young“ veröffentlicht, welche ausdrücklich dazu aufruft, dass die Jugend von ihrer Stimme Gebrauch machen soll – geht es auch um das Gefühlschaos in Taylor Swifts Leben. Und auch irgendwie um ihre Katze, die immer und überall dabei ist, sogar im Flugzeug. An einem Punkt in ihrem Leben musste Taylor Swift feststellen, dass sich das Blatt auch ohne das eigene Zutun schnell drehen kann und man dann zwar nie alleine, aber sehr einsam sein kann. Ihre Entscheidung war die Flucht nach vorne und dem Fernhalten aus allen Medien. Eine Auszeit, bei der die eingangs erwähnten Gedanken ausgeschaltet werden soll. Die Abhängigkeit vom Applaus, das Leben ausschließlich für andere, ohne selber das Glück zu suchen und dem Ende des „guten Mädchens“. Als Zuschauer fiel es mir schwer, voll und ganz dabei zu sein, denn ja natürlich kann man an Ruhm zugrunde gehen, aber hat Taylor Swift nicht gegenüber allen anderen einsamen Menschen den Vorteil, dass sie immer noch sie ist und somit den Puffer aus finanzieller Sicht alles aus ihrem Leben zu machen? Unabhängig davon finde ich es positiv, dass sie aus dieser Auszeit gestärkt hervorgeht und versucht ihr neu gefundenes Ich in ihre Musik und ihren medialen Auftritt einzubauen.

 

Real or not?

Das habe ich mich tatsächlich immer wieder gefragt, vor allem bei sehr intimen Momenten stellt man sich zwangsläufig die Frage, wie sehr hier mit dem Zuschauer gespielt wird. Denn es ist klar, dass „Miss Americana“ die Sängerin in einem positiven Licht darstellen möchte. Der schonungslose Umgang mit allen schwierigen Themen und die privaten Einblicke lassen mich glauben, auch jetzt noch, dass das was wir hier sehen echt ist. Auch wenn manche Themen sehr kurz gehalten wurden, was den Eindruck verstärkt, dass man hier ein paar Sachen einfach als zu privat eingestuft hat, ist diese Dokumentation sehenswert.

 

 

Fazit

Vom netten Menschen von nebenan zu einer toughen, politischen Feministin, dass ist, stark verkürzt, das Bild, welches diese Dokumentation vermittelt. Und sie schafft genau das mit Bravur. Neben der politischen Message erleben wir auch Einblicke in Taylor Swifts Arbeit und in ihr privates Leben. Das diese Dokumentation nicht perfekt ist, weil es ihr zum Beispiel bei einigen Themen an Tiefe fehlt, schadet dem Unterhaltungswert jedoch nicht. Die, aus meiner Sicht, erhoffte Message wird deutlich projiziert und zeigt am Ende eine gestärkte Taylor Swift auf deren nächsten Schritte wir gespannt sind.

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  1. Hallöchen liebe Sandra,

    ich habe die Dokumentation vor zwei Tagen auch gesehen und fand sie nicht schlecht, sogar in vielen Punkten sehr interessant. Besonders schockierend fand ich, wie sehr Taylor Swift kämpfen musste um ihre Stimme erheben zu dürfen. Dieser Vorfall verdeutlichte mir, dass es vermutlich vielen bekannten Persönlichkeiten ähnlich geht.

    Wie oft wird nach großen Vorfallen die Frag aufgeworfen, warum sich dieser oder jener Promi nicht dazu äußert. Die Erklärung findet sich in meinen Augen in der Doku. Es gibt wahrscheinlich ein Management, dass entweder auf die Sicherheit bedacht ist, oder möchte, dass man lieber nur „everybodys darling“ ist, statt sich mit einem politischen Statement einen Shitstorm einzuhandeln.

    Liebe Grüße
    Jule

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